• Virtuelles Wasser

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    Wasser ist ganz entscheidend dafür, wie eine Ernte in der West Bank ausfällt | Foto: flickr/delayed gratification

     „Virtuelles Wasser – Über die Entwicklung extensiver Bewirtschaftungsalternativen in der landwirtschaftlichen Produktion in den Palästinensischen Gebieten (Westjordanland)“

    So lautet der Titel der Master-Arbeit der Agrarwissenschaftlerin Heike Kühner aus Brackenheim. Sie hat an der Universität Hohenheim studiert. Wir wollten von ihr erfahren, wie sie zu dem ungewöhnlichen Thema kam, was sie bei ihrer Untersuchung herausfand und wie sie Land und Menschen erlebt hat.

     

    Frau Kühner, Sie haben Ihre Master-Examensarbeit einem eher exotischen Thema gewidmet. Es handelt zudem von einem Land, auf das sich  näher einzulassen hierzulande immer noch viele Menschen zurückscheuen, weil sie damit vorwiegend Konflikte und Gefahren bis hin zu Terrorismus verbinden. Wie kamen Sie eigentlich zum Thema und überhaupt nach Palästina?

    Das ist eine fast unglaubliche Geschichte. Während meines Auslandssemesters an der Hebräischen Universität verbringe ich mit meinen Eltern einen Tag am Strand von Tel Aviv. Mein Vater liest ein deutsches Buch der palästinensischen Autorin Sumaya Farhat-Naser. Unserem Strandnachbarn war das aufgefallen. Er spricht uns auf Deutsch an. Es stellt sich heraus, dass er Deutscher ist und im Westjordanland für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) arbeitet. Wir kommen auf mein Studium und meine Beschäftigung mit den Lebensbedingungen tropischer und subtropischer Nutzpflanzen zu sprechen. Das zündet bei ihm: Könnten solche Kenntnisse nicht für die palästinensische Landwirtschaft von Nutzen sein? Unsere Strandbekanntschaft lädt mich nach Bethlehem ein und bringt mich mit den dortigen Mitarbeitern der Umweltorganisation „Friends of The Earth Middle East“ in Verbindung. Bald darauf war nicht nur das Untersuchungsthema geboren. Ich hatte auch die Unterstützer gefunden, die ich für die praktische Durchführung brauchte.

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    Heike Kühner auf einem Feld bei Wadi Fukin | Foto: Ulrike Schleicher

    Sie sprechen von „virtuellem“ Wasser. Das ist der Gegenbegriff zu „realem“ Wasser, an dem es  mangelt. Welche Ausgangslage für die palästinensischen Landwirte  im Westjordanland umschreiben Sie damit? Wie groß ist der Wassermangel dort und welche Auswirkungen hat er auf die landwirtschaftliche Produktion?

    Virtuelles Wasser ist ein Fachbegriff. Damit ist die Wassermenge gemeint, die man braucht, um ein Kilogramm eines bestimmten landwirtschaftlichen Produktes herzustellen. Sie kann je nach Pflanzenart, Sorte, Klima und Anbaumethode unterschiedlich hoch sein.
    Die Ausgangslage für die palästinensische Landwirtschaft lässt sich so umschreiben: stark begrenzter Zugang zu Wasser, arides Klima, Bevölkerungswachstum, Absatzeinschränkungen  und politische Instabilität. Ein Beispiel: Das Dorf Wadi Fukin galt einst als der „Gemüsekorb Jerusalems“. Heute ist das Dorf nur noch landwirtschaftlicher Selbstversorger. Hauptursache ist der begrenzte Wasserzugang.
    Immer wieder werden Quellen von der israelischen Besatzungsmacht sozusagen unter „Naturschutz“ gestellt, andere  geben wegen Absenkung des Grundwasserspiegels weit weniger aus. Und die geht auf tiefere Wasserbohrungen in benachbarten israelischen Siedlungen und zunehmend auf ausbleibenden Regen zurück.

    Um dem Wassermangel in der palästinensischen Landwirtschaft abzuhelfen, gäbe es ja eine naheliegende Möglichkeit: Israel sorgt für mehr „Wassergerechtigkeit“, indem es  weniger Wasser für eigene Zwecke abzweigt und den Palästinensern einen solchen Anteil an den natürlichen Wasservorkommen des  Westjordanlandes eröffnet, der ihrem Anteil an der Wohnbevölkerung dort entspricht. Statt das real vorhandene Wasser gerecht zu teilen, stellt der Ansatz, „virtuelles“ Wasser für die palästinensische Landwirtschaft zu gewinnen, einen Versuch dar, den politischen Streitpunkt „Wasser“ zu  umschiffen. Wie sehen das eigentlich die Betroffenen in der Westbank? Akzeptieren sie – notgedrungen – den Ansatz „virtuelles Wasser“?

    Selbstverständlich wünschen sich die palästinensischen Landwirte einen höheren Anteil am vorhandenen Wasser und selbstverständlich fordern sie auch mehr „Wassergerechtigkeit“ von den Israelis ein. Und selbstverständlich würde ein besserer Zugang der palästinensischen Landwirte zum vorhandenen Wasser ihre Lage etwas entspannen. Ihnen ist aber bewusst, dass ein besserer Zugang zum Wasser die Bedingungen für Landwirtschaft in ihrer Region nicht grundsätzlich ändern würde. Sie sehen die Notwendigkeit, dem Klimawandel und dem Bevölkerungswachstum  Rechnung zu tragen. Sie akzeptieren die Notwendigkeit, mit den natürlichen Ressourcen der Region, insbesondere dem Wasser, schonend umzugehen und sind deshalb auch für Neuerungen offen.

    Können Sie uns ein paar praktische Beispiele dafür nennen, wie sich durch Umstellung auf extensive landwirtschaftliche Produktion im Westjordanland der Wasserverbrauch so reduzieren lässt, dass trotz fortbestehender Wasserknappheit erfolgreich produziert werden kann? Geht es um neue Pflanzensorten, andere Anbaumethoden, sparsamere Bewässerung oder um die Kombination von allem?

    Richtig, es geht um eine Kombination von allem. Tröpfchenbewässerung wäre zwar ein riesiger Vorteil, ist aber kapitalintensiv. In der kleinteiligen palästinensischen Landwirtschaft mangelt es daran. Es bleiben die Umstellung auf trockenheitsresistentere Sorten, ebenso die Umstellung auf Pflanzenarten, die weniger Wasser benötigen. Dafür ein Beispiel: Gegenüber dem wasserintensiven Weizen wäre Mais zu bevorzugen. Statt Bananen und Datteln kämen Zuckerrohr oder Heil- und Gewürzkräuter in Betracht. Heil- und Gewürzkräuter hätten zudem den Vorteil, dass sie  im wasserreicheren Frühling angebaut werden könnten. Zudem wären sie für den Export gut geeignet, auch weil sie die leider immer noch langwierigen israelischen Ausfuhrkontrollen unbeschadet überstehen könnten.

    Wie schätzen Sie das unausgeschöpfte Potential einer Umstellung auf extensive Produktionsmethoden in der palästinensischen Landwirtschaft im Westjordanland ein? Was lässt sich von europäischer Seite zu seiner besseren Ausschöpfung beitragen?  Wissenstransfer? Förderung technischer Infrastruktur z.B. in der Bewässerungstechnik, in der Abwasserreinigung und Nutzung gereinigter Abwässer für die Bewässerung? Bessere Bedingungen für den Export landwirtschaftlicher Produkte, vor allem eine schnellere Abfertigung bei den israelischen Ausfuhrkontrollen?

    Theoretisch ließen sich die Einnahmen aus einem Kubikmeter Wasser verdreifachen. Praktisch muss man von einer solchen Rechnung Abstriche machen. Nicht alles was theoretisch möglich erscheint, ist auch praktisch umsetzbar. Ein Beispiel: die Maniokfrucht wäre wasserwirtschaftlich gesehen ein idealer Anbaukandidat für die palästinensische Landwirtschaft. Sie muss aber auch in die Kultur der Region passen.
    Europa kann  einiges zur Umstellung der palästinensischen Landwirtschaft auf extensive Bewirtschaftung beitragen. Wissenstransfer gehört sicher dazu, ebenso Hilfen bei der Modernisierung der technischen Infrastruktur. Dazu gehört zum Beispiel die Förderung des Baus von Kläranlagen, woran sich die GIZ beteiligt.
    Bessere Exportchancen für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Palästina wären ebenfalls wichtig. Fairer Wettbewerb mit israelischen Produkten in Europa hieße zum Beispiel, dass Produkte aus israelischen Siedlungen im Westjordanland nicht weiterhin die Einfuhr- und Zollprivilegien genießen dürften wie Produkte aus Israel selbst.   

    Ohne Bewässerung wäre Landwirtschaft wie diese im Westjordanland nicht möglich  |  Foto: Heike Kühner

    Ohne Bewässerung wäre Landwirtschaft wie diese im Westjordanland nicht möglich | Foto: Heike Kühner

    Im Nahen Osten, wo nicht nur das Wasser knapp ist sondern auch der Ackerboden, müsste ein schonender Umgang mit den natürlichen Ressourcen ein Interesse aller Menschen in der Region darstellen, das sie verbindet und zu gemeinsamem Handeln motiviert – ungeachtet der zwischen ihnen bestehenden politischen Konflikte. Sie sind solchen Menschen begegnet, zum Beispiel bei den Friends of the Earth Middle East. Erzählen Sie bitte, welche Unterstützung Sie bei Ihrer Arbeit erfuhren.

    Ohne die Friends of The Earth hätte ich meine Arbeit nicht durchführen können. Sie vermittelten die Kontakte zu den palästinensischen Landwirten, sie stellten mir Fahrer und Übersetzer zur Seite und sie versorgten mich mit viel Hintergrund- und Detailwissen. Und die Ergebnisse meiner Untersuchung werden in die Projektarbeit der Friends of The Earth vor Ort einfließen. Die Friends of The Earth sind übrigens eine länderübergreifende zivilgesellschaftliche Organisation, die Frieden über Umweltschutz fördern möchte. Ihr Zweig für den Mittleren Osten hat Büros in Amman, in Bethlehem und in Tel Aviv. Projektarbeit vor Ort legen sie so an, dass benachbarte Gemeinden diesseits und jenseits der Grenze sich gemeinsam engagieren, Ein Projekt trägt den sprechenden Namen „Good Water Neighbors“, also „Gute Wasser-Nachbarn“

    Ihre Universität, Hohenheim, pflegt seit langem eine Partnerschaft zur Hebräischen Universität Jerusalem und insbesondere zu deren Agrarwissenschaftlicher Fakultät. Sie selbst haben dort ein Semester  studiert und jetzt im Westjordanland eine wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt. Wie denken Sie über die Möglichkeit, deutsch-israelische Wissenschaftsbeziehungen um einen dritten Partner, einen aus Palästina, zu erweitern?

    Ich meine, es sollten erst einmal neben den traditionellen deutsch-israelischen auch deutsch-palästinensische Wissenschaftsbeziehungen aufgebaut werden. Steht der Dialog, kann man vielleicht eines Tages auch zum Trialog finden. Das muss sich langsam entwickeln.

    Wie haben Sie Land und Leute in Israel und Palästina erlebt? Was hat Sie besonders beeindruckt, erstaunt, erfreut, erschreckt?

    Auf dem Campus an der Hebräischen Universität Jerusalem ist mir sehr viel Freundlichkeit begegnet und ich traf auf ein besonderes Interesse an Deutschland, vor allem an der Stadt Berlin, zu der es offensichtlich viele meiner jüdisch-israelischen Kommilitonen hinzieht. In Israel erlebte ich in der Nähe des Gazastreifens einen eindrücklichen Augenblick des Erschreckens, als ich plötzlich ein Donnern wie im Gewitter hörte, was sich dann als Detonation einer Rakete erwies, die auf freiem Feld in der Nähe niedergegangen war.
    In Palästina wurde für mich „ahlan wa-sahlan“ (herzlich willkommen) zum Schlüsselwort für eine Willkommenskultur, die mich beeindruckt hat. Auch wenn ich bloß nach dem Weg gefragt hatte,   konnte es passieren, dass ich gleich zum Tee eingeladen wurde. Ein wenig erstaunt und auch erschreckt hat mich, wie sehr „richtige“ oder „falsche“ Kleidung ein Gespräch möglich machen oder aber verhindern kann.

    Werden Sie Land und Leuten in Israel und Palästina verbunden bleiben?

    Ich habe auf beiden Seiten Freunde und ich werde sie bestimmt wiedersehen.  

     

    Die Fragen stellte Franz-Hellmut Schürholz

    Ein grafischer Überblick über den Wasserzugang für Palästinenser im Westjordanland und die Aufteilung der Wasserressourcen zwischen Israelis und Palästinensern findet sich im Online-Magazin +972: http://972mag.com/visualizing-occupation-distribution-of-water/49925/

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