• Seminarbericht “Wasser in Israel und Palästina: zwischen Konflikt und Kooperation”

    Foto: Flickr/Mor

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    Der Kampf um Wasser könnte der Anlass für eine weitere Runde der Auseinandersetzungen im arabisch-israelischen Konflikt sein, meinen Strategen und Analysten immer wieder. Gleichzeitig sind Fragen der Reinhaltung und des nachhaltigen Umgangs mit den vorhandenen Wasserressourcen auch ein Thema grenzüberschreitender Kooperation. Aber vor allem ist Wasser die Voraussetzung für Leben, Entwicklung und Wirtschaft.

     

    In Israel und Palästina, wo die Ressource vermeintlich knapp ist, gibt es seit Jahrzehnten einen Konflikt über den Zugang zu Wasser und über dessen Verteilung. Diesen Konflikt, aber auch existierende Kooperationen und hydrogeologische Grundlagen der Wassersituation thematisierte das Tages-Seminar „Wasser in Israel und Palästina: zwischen Konflikt und Kooperation“, das am 15. November 2014 in Karlsruhe stattfand. Die Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das Forum Deutschland-Israel-Palästina luden rund 60 Teilnehmende zur vertiefenden Beschäftigung mit dem Thema ein.

    Clemens Messerschmid, der seit 1997 als Hydrogeologe an einer Vielzahl von Wasserprojekten im Westjordanland und dem Gazastreifen arbeitet, stellte eingangs die geografisch-geologischen Bedingungen der Wassersituation in der Region vor. Dabei räumte er auch den Mythos aus, Israel sei ein trockenes Land. So liegt der Jahresdurchschnittsniederschlag in Jerusalem mit 599,8 mm im langjährigen Mittel über dem von Berlin (591 mm/a). Auch von einer permanenten Wasserknappheit könne man nicht sprechen, da der Trinkwasserverbraucht pro Kopf und Tag mit 270 Litern in Israel mehr als doppelt so hoch ist wie in Deutschland, wo rund 122 Liter verbraucht werden. Dennoch gibt es ernste Probleme. Der Jordan, Israels bekanntester und wichtigster Fluss, ist nur noch ein schmales Rinnsal, wenn er in das Tote Meer mündet, was den Meerespegel stetig fallen lässt. Von einst 1350 Millionen Kubikmetern Wasser im Jahr kommen heute nur noch 20 Millionen an. Die Differenz wird von den Anrainerstaaten entnommen und zur Wasserversorgung und Bewässerung in der Landwirtschaft verwendet.

    Neben den Oberflächengewässern spielen das Küstenaquifer und das Bergaquifer eine wichtige Rolle für die Wasserversorgung Israels und der palästinensischen Gebiete. Das Westjordanland verfügt nur über Ressourcen aus diesem Grundwasser, das durch Quellen oder Brunnen an die Oberfläche befördert wird. Hier zeigt sich der erste Unterschied in der Wasserverteilung: der israelische Anteil am Bergaquifer liegt mit 89,7 % der Brunnen (689) deutlich höher als die Zahl der palästinensischen Brunnen im Westjordanland (79). Auch andere Wasservorkommen werden ungleich verteilt: während Israel jährlich 465 Millionen Kubikmeter pro Jahr aus dem Küstenaquifer pumpt, fließen nach Gaza nur 165 Millionen Kubikmeter. Aus dem Jordan und dem Tiberiasbecken (600 Millionen Kubikmeter) sowie anderen Grundwasserbecken in Galiläa, dem östlichen Gebirge, dem Karmelgebirge und der Negev (430 Millionen Kubikmeter) fördert nur Israel.

    Diese Ungleichverteilung spiegelt sich auch im Wasserverbrauch wieder. Während der palästinensische jährliche Wasserverbrauch (350 Mio m3/a) seit 1948 nahezu unverändert blieb beziehungsweise fiel (2003: 331 Mio m3/a), stieg der israelische Verbrauch enorm an. Von 230 Millionen Kubikmetern im Jahr 1948 auf 1.860 im Jahr 2003.

    Der Jurist Christian Sterzing, von 2004 bis 2009 Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah, stellte anschließend die historischen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen vor. Vor der israelischen Besetzung nach Ende des Sechs-Tage-Krieges von 1967 galt Wasser im Westjordanland als Privateigentum (osmanisches, britisches und jordanisches Recht). Genehmigungen für Bewässerungsvorhaben erteilte die jordanische Behörde routinemäßig. Die Versorgung erfolgte im Wesentlichen durch lokale Wasserversorgungssysteme. Im Gazastreifen fiel Wasser unter das ägyptische Gewohnheitsrecht. Ab 1967 wurden durch Militär-Verordnung alle Wasserrechte im Westjordanland und dem Gazastreifen israelischem Recht angeglichen und israelischer Verwaltung unterstellt. Israel erklärte Wasser zum öffentlichen Gut, das der Kontrolle des Staates unterliegt. Zentrale Bedeutung haben bis heute die von der Militärverwaltung erlassenen Order. Durch sie übernahm Israel die vollständige Kontrolle über sämtliche Wasserressourcen sowie über Wasserverteilung und Verwaltung. Damit sicherte sich Israel den unbeschränkten Ressourcenzugang. Der palästinensische Wasserverbrauch wurde dadurch begrenzt und eine Abhängigkeit der palästinensischen Wirtschaft und Landwirtschaft geschaffen, die zu einem de-development führte.

    Der Oslo-Prozess löste den politischen Konflikt um das Wasser nicht. Das Osloer Interimsabkommen von 1995 verschob die Festlegung der palästinensischen Wasserrechte auf eine zukünftige Regelung (Endstatusverhandlungen). Alle hydro-politischen und wasserrechtlichen Regelungen seit 1967 wurden beibehalten, sodass trotz Einrichtung einer Joint Water Commission der Wasserbeauftragte der israelischen Militärverwaltung über ein Vetorecht gegenüber konsensualen Entscheidungen der Kommission verfügt. In der Folge verbesserte sich die Wasserversorgung für die Palästinenser kaum.

    Claude Weinber, der das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung Tel Aviv von 1997 bis 2001 leitete, stellte anschließend die israelische Sicht und Mehrheitsdiskurs dar. Danach ist die Wasserfrage eine zentrale und damit eine Sicherheitsfrage. Das geht so weit, dass die Zerstörung von Zisternen als mögliche Waffenlager sicherheitspolitisch begründet wird. Israel argumentiert, man liefere den Palästinensern ausreichend Wasser, womit eine vernünftige palästinensische Infrastruktur zurechtkommen müsste. Eine große Rolle spiele nach wie vor das Narrativ, erst Israel habe das Land fruchtbar gemacht .

    Nach der Problembeschreibung stellte Messerschmid vor, was getan werden müsste, um die Situation zu verbessern. Im Westjordanland sind dafür drei Arten von Projekten notwendig: solche, die ausreichend Wasser zur Verfügung stellen, bezahlbares Wasser hervorbringen und dabei auch noch nachhaltig sind. Da im Westjordanland Grundwasser die einzig nachhaltige Option ist, brauche es weit mehr Brunnen als bisher. Die häufig genannten Leitungsverluste von derzeit 35 Prozent auf ein Standardmaß von 20 Prozent zu reduzieren, würde pro Kopf und Tag nur rund 13 Liter mehr Wasser bringen, womit die Gesamtmenge noch immer unter dem von der WHO empfohlenen Wert von 100 Litern am Tag läge.

    Nach einer Kurzvorstellung beispielhafter grenzüberschreitender staatlicher wie nicht-staatlicher Kooperationsprojekte durch Tobias Pietsch, stellvertretender Vorsitzender des Forums Deutschland-Israel-Palästina, wurden die Projekte des KIT vorgestellt. Prof. Nico Goldschneider, Geschäftsführender Direktor des Institutes für angewandte Geowissenschaften am KIT, stellte das Projekt SMART (Sustainable Management of Available Water Resources with Innovative Technologies) vor. 27 Partnerorganisationen aus Deutschland, Israel, den palästinensischen Gebieten und Jordanien arbeiten in der Modellregion des unteren Jordantales zusammen an einem integrierten Wasserressourcenmanagement.

    Anschließend präsentierte Prof. Christoph Kottmeier, Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung, das DESERVE Projekt (Dead Sea Research Venue). Der Fokus dieses Projektes, das ebenfalls mit Partnern aus Deutschland, Israel, den Palästinensischen Gebieten und Jordanien arbeitet, liegt auf dem Toten Meer. Für das Forschungsprojekt stellt dieses ein grenzüberschreitendes Wassereinzugsgebiet dar, das eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft ist. Doch ist diese zentrale Lebensader mit ihrer ökonomischen und ökologischen Bedeutung Veränderungen der Umwelt ausgesetzt. Diese Veränderungen und mögliche Gegenmaßnahmen erforscht das DESERVE Projekt.

    Zum Abschluss diskutierten alle fünf Referenten unter der Moderation von Tobias Pietsch gemeinsam mit dem Publikum den Zusammenhang von Wasserverteilung, Umweltschutz und Frieden im Nahen Osten. Hierbei wurden vor allem die unterschiedlichen Ansätze der vorgestellten Arbeiten deutlich: wissenschaftliche, praktische und politische Bemühungen existieren bisher weitgehend unverknüpft nebeneinander. Für erfolgreiche Veränderungen der Wassersituation im gesamten Nahen Osten können alle Ansätze wechselseitig voneinander profitieren, wenn sie sich aufeinander einließen.

    Die Tagung lieferte den Teilnehmenden fundierte Informationen über die Wassersituation in Israel und Palästina – über den Konflikt ebenso wie über grenzüberschreitende Kooperationen. Illustriert wurden diese insbesondere durch die Beiträge des KIT. Die vertiefende Betrachtung zeigte, dass eine Lösung der Wasserproblematik möglich ist, wenn es den politischen Willen, insbesondere zwischen Israel und Palästina gibt. Würde Israel den Palästinensern den Neubau und die Reparatur von Brunnen genehmigen, könnte sich die Situation der Wasserversorgung deutlich verbessern und würde sicherlich auch den Konflikt zwischen beiden Parteien entschärfen.

     

    Bericht von Tobias Pietsch

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