• Newsletter November 2012

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    EDITORIAL

     

    Ein Jahr ist vergangen, seitdem Mahmoud Abbas in den Vereinten Nationen  die Anerkennung eines Staates Palästina und dessen Aufnahme als Vollmitglied der Vereinten Nationen beantragt hat. Auf palästinensischer Seite war das mit viel Hoffnung begleitet worden. Die Hoffnungen haben getrogen. Der Antrag „ruht“ im UN-Sicherheitsrat, nachdem abzusehen war, dass er dort keine Mehrheit finden würde.

    Was nun? Palästinenser, Israelis und die internationale Staatengemeinschaft sortieren derzeit ihre  Handlungsmöglichkeiten. Einige wurden in der im September eröffneten Generalversammlung der Vereinten Nationen angesprochen. Über andere wird in Israel wie in Palästina heftig diskutiert.

    Für die israelische Regierung hat die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts derzeit keine Priorität. Außenpolitisch konzentriert sie sich auf die  Verhinderung einer iranischen Atombombe, notfalls mittels eines Militärschlags. Im Verhältnis zu den Palästinensern setzt die Regierung auf die Beibehaltung des „Status Quo“. Der ermöglicht ihr die weitere Kontrolle und Besiedlung besetzten palästinensischen Landes. Offenbar ist der national wie international zu zahlende Preis für die Fortsetzung einer solchen Politik nicht hoch genug, um eine  Kurskorrektur zu bewirken. Eine Kurskorrektur wünschen –  in unterschiedlicher Ausprägung –  sowohl die parlamentarische Opposition wie auch die Friedensbewegung. Allerdings sind beide zu schwach, um sie im Lande durchzusetzen. Daran werden voraussichtlich auch die Parlamentswahlen im Januar nichts ändern.

    Präsident Abbas hat angekündigt, er werde Mitte November in der UN-Generalversammlung eine Aufwertung des Status von Palästina vom bloßen Beobachter zum „Nicht-Mitgliedsstaat“ der UN  beantragen. Darüber könnte die Generalversammlung ohne den Sicherheitsrat mit einfacher Mehrheit beschließen. Abbas will auch die Friedensverhandlungen mit Israel wieder aufnehmen, wenn sein Antrag angenommen wird. In der palästinensischen Gesellschaft allerdings mehren sich die Stimmen, die Verhandlungen mit Israel jeden Sinn absprechen, weil die fortgesetzte israelische Siedlungspolitik einem palästinensischen Staat buchstäblich den Boden entziehe.

    Zunehmend wird auch die Tätigkeit der palästinensischen Autonomiebehörde in Frage gestellt. Sie könne die Lebensbedingungen der Palästinenser nicht wirklich verbessern und fungiere als Feigenblatt für fortdauernde Fremdherrschaft. Vermehrt werden eine Auflösung der Autonomiebehörde, eine Aufkündigung des Oslo-Abkommens und der Übergang zu einer Strategie des friedlichen Widerstandes gegen die Besatzungsmacht gefordert. Demonstrationen gegen sich verschlechternde Lebensverhältnisse führten in Ramallah zu Zusammenstößen mit der palästinensischen Polizei, die überfordert schien und gewaltsam überreagierte.

    Die Aufmerksamkeit der internationalen Staatengemeinschaft wird derzeit vom Bürgerkrieg in Syrien, vom Atomstreit mit dem Iran und von der Finanz- und Schuldenkrise absorbiert. Allerdings wäre es hoch gefährlich, den israelisch-palästinensischen Konflikt weiter sich selbst zu überlassen.  Die Explosivkraft dieses Konflikts ist groß und die Konflikte in der Region sind eng miteinander verknüpft. Doch vielleicht nimmt der wiedergewählte amerikanische Präsident jetzt wieder auf, was er als neue Politik für den Nahen und Mittleren Osten angekündigt, aber in seiner ersten Amtszeit nicht umgesetzt hat und  verdient sich  so seinen Friedensnobelpreis wenigstens nachträglich.  Und vielleicht sieht die Europäische Union in dem ihr soeben verliehenen Nobelpreis einen Ansporn, gemeinsam mit den USA und Russland das Notwendige für einen Frieden im Nahen Osten nicht nur abstrakt zu umschreiben sondern konkret in die Wege zu leiten: Die Konfliktparteien müssen energisch an die Hand genommen werden, um in einem auch inhaltlich von der internationalen Staatengemeinschaft gesetzten Rahmen mit fortlaufender vermittelnder Unterstützung das zu tun, wozu sie aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage sind: ein Abkommen über die Hauptstreitpunkte ihres Konflikts zu schließen. Die Blaupausen für ein solches Abkommen liegen seit den Clinton-Parametern von 2000, der Arabischen Friedensinitiative von 2002 und der Genfer Initiative von 2003 auf dem Tisch. Wie lange noch? Die Veränderungen auf dem Boden erlauben kein Zuwarten mehr.

    Die Zivilgesellschaften in Israel, Palästina und in der gesamten Region sind oft weiter als die jeweiligen Regierungen, was Überwindung des Freund-Feind-Denkens, Fairness und Ausgleichsbereitschaft anbetrifft. Deshalb berichten wir hier wieder über einige Hoffnung gebende Beispiele.

     

    Iran, Israel und der Westen

    Parallelen zum August 1914? Ein Ende des schädlichen und gefährlichen Kriegsgeredes fordert Volker Perthes, der Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Derzeit gehe es kaum noch um Kriegsvermeidung, sondern vornehmlich darum, wie sich der Beginn eines Krieges hinausschieben lässt. Ein klares  Signal für die  Atomgespräche mit Iran sei notwendig. In diesen müsse es um eine Lösung gehen, die Teheran einen Rückweg aus der Isolation und zugleich der Welt die Gewissheit biete, dass kein weiterer Atomstaat entsteht, siehe

    http://www.sueddeutsche.de/politik/atomstreit-zwischen-israel-und-iran-gefaehrliches-kriegsgerede-1.1476420

    Einen Schritt weiter gehen der Israeli Hillel Schenker und der Deutsch-Iraner Ali Fathollah-Nejad. Frieden im Mittleren Osten und die Schaffung einer atomwaffenfreien Zone bedingten einander wechselseitig. Im Übrigen zeigten Umfragen, dass die Israelis mehrheitlich bereit seien, im Rahmen einer solchen Lösung auf eigene Atomwaffen zu verzichten, vgl.

    http://www.pij.org/details.php?blog=1&id=146

    Führt der Weg zu einer Entschärfung des Atomstreits mit dem Iran  über  Palästina? Das meint  Nicholas Saidel – nicht nur im Blick auf die Rolle von Hamas, Hisbollah und Syrien, vgl.

    http://mondoweiss.net/2012/09/palestine-the-path-toward-iranian-de-escalation.html

    Solche Zusammenhänge sieht auch eine Gruppe von israelischen und iranischen Studenten in Berlin, die sich zum „Iranian-Israeli Circle“ zusammengeschlossen haben. Sie ziehen ganz andere „Rote Linien“ als jüngst der israelische Ministerpräsident vor der UN-Generalversammlung, vgl.

    http://israelis-iranians-against-war.blogspot.de/ und http://de.qantara.de/wcsite.php?wc_c=19618&wc_id=20866

     

    Für einen Tag am Mittelmeer

    Yom Yam (Strandtag), nennt sich, was eine Gruppe israelischer Frauen seit nunmehr sechs Jahren jeweils im Sommer für palästinensische Kinder aus dem Westjordanland organisiert: einen schönen und erlebnisreichen Tag am Mittelmeerstrand zu verbringen. Die allermeisten Kinder, die im Westjordanland aufwachsen, haben das Mittelmeer nie gesehen. Das Echo auf das Projekt ist groß, vgl.

    http://www.commongroundnews.org/article.php?id=31627&lan=en&sp=0

     

    Unter Feuer

    So überschreibt der Nahost-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinen Bericht über die Absicht der israelischen Regierung, südlich von Hebron ein Gebiet von 3000 Hektar zur militärischen Sperrzone zu erklären, um dort eine „Firing Zone“ als militärisches Übungsgelände einzurichten. Diesem Vorhaben sollen acht palästinensische Dörfer mit insgesamt 1500 Einwohnern weichen. Viele der Einwohner und eine weitere  Anzahl von Menschen aus der Umgebung verlören ihr Weideland und damit ihre Lebensgrundlage, Der Völkerrechtler Prof. Michael Bothe kommt in einem Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Verwirklichung des Vorhabens eine schwere Verletzung der einer Besatzungsmacht nach internationalem Recht obliegenden Verpflichtungen zum Schutz der Zivilbevölkerung darstellen würde. Der Fall ist seit dem Jahr 2000 beim Obersten Gerichtshof Israels anhängig, vgl.

    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/israel-unter-feuer-11938448.html

    Das Gutachten Bothe findet sich unter http://www.diakonia.se/sa/node.asp?node=4394

     

    One State, Two States, No State

    Dani Dayan, ein prominenter Sprecher der israelischen Siedlerbewegung, erhielt Gelegenheit zu einem Leitartikel in der New York Times. Der erschien am 25. Juli unter dem Titel: „Israels Siedler sind hier um zu bleiben“. Dayans Aussagen lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „….Unsere Präsenz in ganz Judäa und Samaria – nicht nur in den sogenannten Siedlungsblöcken – ist eine unumkehrbare Tatsache. Der Versuch, die Ausweitung der Siedlungen zu stoppen, wäre vergeblich und darüber in diplomatischen Gesprächen hinwegzusehen, wird keine Fakten auf dem Boden verändern; es macht nur das Scheitern von Verhandlungen wahrscheinlicher.“  „….Unter der gegebenen Unumkehrbarkeit einer großen israelischen Zivilpräsenz in Judäa und Samaria und einer Haltung der Palästinenser, die sich damit nicht abfinden will, müssen westliche Regierungen ihren Ansatz zur Lösung des Nahost-Konflikts überprüfen. Sie sollten anerkennen, dass endgültige Lösungen nicht anstehen. Und in der Konsequenz sollte die internationale Staatengemeinschaft, statt über die Unhaltbarkeit des Status Quo zu klagen, zusammen mit den Konfliktparteien daran arbeiten, ihn wo möglich zu verbessern und ihn gangbarer zu machen“.

    http://www.nytimes.com/2012/07/26/opinion/israels-settlers-are-here-to-stay.html

    Richard Falk, Professor emeritus des Völkerrechts (Princeton) und Sonderberichterstatter der UN für Fragen der Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten, hält Dayans Analyse realpolitisch  betrachtet für überzeugend. Dayan zerstöre das bestehende und längst nicht mehr hinterfragte diplomatische  Rahmenwerk, das die palästinensischen Aspirationen in einem endlosen Albtraum von Bedrückung und  Vergeblichkeit eingeschlossen hielt. Damit öffne er den Weg zu einem notwendigen Dialog über die Frage, was vernünftigerweise an die Stelle des Zwei-Staaten-Konsenses gesetzt werden kann, vgl.

    http://richardfalk.wordpress.com/2012/07/27/what-dani-dayan-says-and-why-it-is-interesting/

    Auch für Sari Nusseibeh, Philosoph und Präsident der Al Quds-Universität, stehen nicht Fernziele wie „Ein Staat“ oder „Zwei Staaten“ im Vordergrund. Deshalb stellt sein jüngstes Buch schon im Titel die Frage „What is a Palestinian State Worth?“ und deshalb steht auch am Ende des Titels der deutschsprachigen  Ausgabe „Ein Staat für Palästina?“ ein Fragezeichen. In einem Gespräch mit Qantara erläutert Nusseibeh seinen Fahrplan, um aus der derzeitigen Situation von Herrschen und Beherrschtwerden herauszukommen. Sein primäres Ziel sind nicht politische sondern Bürgerrechte für seine Landsleute, vgl.

    http://de.qantara.de/Abschied-von-einer-Zwei-Staaten-Loesung/19746c21063i497/index.html

     

    Keine Besatzung?

    Israelischer Outpost in der Judäischen Wüste südlich von Bethlehem

    Israelischer Outpost in der Judäischen Wüste südlich von Bethlehem © Tobias Pietsch

    Eine Kommission unter dem Vorsitz des pensionierten Richters am Obersten Gerichtshof Israels, Edmond Levy, sollte im Auftrag der Regierung Vorschläge zur rechtlichen Einordnung und Behandlung der sogenannten „Outposts“, das heißt von der Regierung nicht genehmigter Außenposten israelischer Siedlungen im Westjordanland erarbeiten. Die Levy-Kommission kommt zu dem Schluss, dass „Judäa und Samaria“ nicht als besetztes Gebiet im Sinne des internationalen Rechts anzusehen seien. Sie empfiehlt, sämtliche Außenposten zu legalisieren, vgl. Wortlaut der Empfehlungen auf der Homepage von Judith und Reiner Bernstein:

    http://www.genfer-initiative.de/genferinitiative/ge_berichte/Levy_07.07.12.pdf

    Siedlerorganisationen fordern die Regierung auf, den Bericht anzunehmen und seine Empfehlungen umzusetzen, vgl. The Jerusalem Post vom 31.10.12,

    http://www.jpost.com/DiplomacyAndPolitics/Article.aspx?id=289744

    Israelische Beobachter außerhalb des Regierungslagers warnen davor. Sie fragen, auf welcher Rechtsgrundlage Israel im Westjordanland handelt, wenn das vor 45 Jahren von Israel eroberte Gebiet einerseits nicht als besetzt gelten soll und andererseits bisher auch nicht formell dem israelischen Staatsgebiet zugeschlagen  wurde. Die entscheidende Frage stellt die Menschenrechtsorganisation B‘Tselem: was wäre dann die Rechtsstellung der 2,6 Millionen Palästinenser in der Westbank?

    http://www.btselem.org/setllements/20120711_levy_committee_report

    Auch wenn die Regierung „nur“ den praktischen Empfehlungen der Kommission folgen sollte, ohne sich deren rechtliche Begründung zu eigen zu machen, würde dies Israel weiter isolieren. Denn  international  besteht Übereinstimmung darüber, dass die im Sechstagekrieg eroberten Gebiete im Sinne des Kriegsvölkerrechts  „besetzt“ sind und die IV. Genfer Konvention zum Schutz der Zivilbevölkerung auf sie Anwendung findet, vgl. Gutachten des Internationalen Gerichtshofs vom 9. Juli 2004, „die rechtlichen Konsequenzen des Baus einer Mauer auf besetztem palästinensischem Gebiet betreffend“.

    http://www.icj-cij.org/docket/files/131/1671.pdf

    Art. 49 Abs. 6 der IV: Genfer Konvention verbiete nicht nur den zwangsweisen Transfer von Teilen der Zivilbevölkerung des besetzenden Staates in das von ihm besetzte Land, sondern jedwede staatliche Handlung, die einen solchen Transfer unterstützt. Das bestätigt Juan Pedro Schaerer vom Internationalen Komitee für das Rote Kreuz in einem Beitrag für die israelische Tageszeitung Haaretz, vgl.

    http://www.haaretz.com/opinion/the-levy-report-vs-international-law-1.474129

     

    Wer darf wählen?

    In Israel wird am 22. Januar ein neues Parlament gewählt. Die israelische Knesset ist nach den allgemein akzeptierten Merkmalen von Souveränität und Unabhängigkeit der alleinige Souverän zwischen Jordan und Mittelmeer. Deshalb fragt der Israeli Noam Sheizaf, welche der in diesem Gebiet lebenden Menschen den Souverän wählen dürfen und welche nicht. Das überraschende Ergebnis: Je nachdem, ob man die Bevölkerung von Gaza einrechnet oder nicht, ist einer von 3,8 oder einer von 4,5 Einwohnern in der Knesset nicht repräsentiert, vgl.

    http://972mag.com/who-gets-to-vote-in-israels-democracy/58756/

    Von zwei Seiten unter Repression: Die Theatermacher in Jenin

    Im April 2011 wurde der Gründer und Leiter des Freedom Theatre Jenin, Juliano Mer Khamis, von Unbekannten in der Nähe des Theaters ermordet. Seitdem sehen sich das Theater und seine Mitarbeiter einer Kette von Durchsuchungen, Festnahmen und Inhaftierungen ausgesetzt. Unter anderem wurde der künstlerische Leiter des Theaters, Nabil Al-Raee, von israelischen Sicherheitskräften festgenommen und blieb über einen Monat lang inhaftiert. Der Mitbegründer und Ko-Direktor des Theaters, Zakaria Zubeidi, wurde von palästinensischen Sicherheitskräften festgenommen und blieb rund fünf Monate in palästinensischer Haft. Er hatte zuletzt jegliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme verweigert und war in  lebensbedrohlichem  Zustand. Human Rights Watch  hat am 27. Juli einen fünfseitigen Bericht hierüber veröffentlicht. Er enthält eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass in diesen und weiteren Fällen im Zusammenhang mit dem Freedom Theatre Jenin weder von israelischer noch von palästinensischer Seite elementaren Anforderungen an ein rechtsstaatliches Verfahren genügt wurde. Gravierend sind die von beiden Betroffenen erhobenen Vorwürfe von Misshandlung, Isolation und Verweigerung der Kontaktaufnahme mit Anwälten und Angehörigen über längere Zeiträume, im Falle Zubeidis auch der Behinderung seines Anwalts, der nach Kritik am Vorgehen der Sicherheitsbehörden selbst vorübergehend festgenommen wurde.  Human Rights Watch sieht sich nicht in der Lage, die Vorwürfe selbst zu verifizieren, hält aber den Verdacht auf rechtsmißbräuchliches und menschenrechtswidriges Vorgehen der Behörden für dringlich genug, eine unabhängige Untersuchung der Vorwürfe einzufordern, vgl.

    http://www.hrw.org/news/2012/07/27/israelpalestinian-authority-theater-group-hit-both-sides

     

    Philotas retten

    So heißt ein gemeinsames Theaterprojekt einer schweizer Gruppe namens „Neue Dringlichkeit“, der Kunsthochschule Zürich, des Arab Hebrew Theatre sowie  einer jüdisch-israelischen und einer arabisch-israelischen Oberschule in Jaffa. „Philotas“ ist ein Einakter von Lessing aus dem Jahr 1759. Das Stück handelt von einem Jüngling und Thronerben, der eben seine erste Schlacht bestanden hat, aber infolge Unerfahrenheit und Übereifers in die Gefangenschaft des Feindes geraten ist. Das verursacht ihm größtes Unbehagen und beschämt ihn tief. Er sieht voraus, dass sein Vater ihn beim gegnerischen Monarchen auslösen würde und einen hohen Preis dafür zu entrichten hätte. Das will er auf jeden Fall abwenden und dafür will er sich selbst töten. Dabei bleibt er auch dann, als er erfährt, dass den Sohn des königlichen Feindes das gleiche Schicksal traf und beide Väter einen Austausch ihrer Söhne bereits vereinbart haben. Dieser „Gleichstand“ genügt ihm nicht. Auch in der neuen Situation will er in furchtbar konsequentem Heldentum und Patriotismus sein Leben opfern, um das eigene Land in eine bessere, überlegene Verhandlungsposition zu bringen. Er führt den geplanten Selbstmord aus. Die Theatermacher und die jungen Schauspieler der beiden Schulen probten nicht nur das Stück. Sie erprobten dabei, wie das Stück auf ihre Situation passt, ob es Alternativen gibt  – mit anderen Worten, ob sich Philotas vielleicht retten ließe. Die Probenarbeit und die Auseinandersetzung mit dem Stück ist in einem Video dokumentiert:

    http://vimeo.com/43390960

     

    Aufrechenbare Schicksale?

    Jüdische Flüchtlinge Foto: Israeli National Photo Archive/Kluger Zoltan

    „Israel fordert Entschädigung für jüdische Flüchtlinge – Vorbedingung für Frieden mit Palästinensern“, so überschreibt die F.A.Z. ihren Bericht über die von der israelischen Regierung gestartete weltweite Kampagne, mit der auf das Schicksal von Juden aufmerksam gemacht werden soll, die nach Gründung des Staates Israel aus ihren arabischen Heimatländern flohen und ihren Besitz dort zurücklassen mussten, vgl.

    http://www.seiten.faz-archiv.de/FAZ/20120917/fd1201209173628033.html

    Ynet berichtet die Auftakt-Konferenz der Kampagne, die im September am Sitz der Vereinten Nationen stattfand, vgl.

    http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4284546,00.html

    Es ist eine Sache, nach der Geschichte der „forgotten refugees“ zu fragen, eine andere, diese sehr komplexe,   von Land zu Land unterschiedliche Geschichte zum Gegenstand politischer Verrechnungen zu machen. Gegen letzteres opponieren gerade Israelis aus dem Kreise der Mizrahim, der Juden orientalischer Herkunft. „Nicht in meinem Namen“ sagt der aus einer ägyptisch-jüdischen Familie stammende Daniel Haboucha, vgl.

    http://blogs.timesofisrael.com/danny-ayalon-and-the-jewish-refugee-fallacy/

    Der einer Familie irakischer Juden entstammende Yehouda Shenhav, Professor der Soziologie an der  Universität Tel Aviv,  sieht keinen sachlichen Grund für eine Analogie zwischen den Mizrahim und den palästinensischen Flüchtlingen. Für viele von ihnen, soweit sie nämlich aus freien Stücken nach Israel kamen, sei die Analogie eher eine Beleidigung. Aber vor allem beeinträchtige sie die Chance für eine wirkliche Versöhnung mit den Palästinensern. Mehr noch, sie verkenne den Kern der palästinensischen Nakba. Der Kern der palästinensischen Katastrophe von 1948 liege darin. dass den damals Vertriebenen vom Staat Israel die Rückkehr zu ihren Häusern, ihrem Land, ihren Familien verwehrt wurde. Die Nakba sei Resultat der aktiven und eindeutigen Politik des Staates Israel gewesen – und gerade nicht das bloße Ergebnis von Kriegschaos, vgl.

    http://972mag.com/spineless-bookkeeping-the-use-of-mizrahi-jews-as-pawns-against-palestinian-refugees/56472/

    Das „Komitee Bagdader Juden in Ramat Gan“ erklärt: „….wir erstreben Entschädigung für unser verlorenes Eigentum und Vermögen von der irakischen Regierung – NICHT von der Palästinensischen Autonomiebehörde. Und wir sind nicht damit einverstanden, dass Entschädigung für unser Eigentum verrechnet wird mit einer Entschädigung für Vermögensverluste anderer (d.h. palästinensischer Flüchtlinge) oder dass die Entschädigung an Institutionen geleistet wird, die uns nicht vertreten (d.h. die israelische Regierung)…“, vgl.

    http://baghdadijews.wordpress.com/english/

     

    Adonis auf Hebräisch

    Zum ersten Mal werden Dichtungen von Adonis, dem wohl bedeutendsten arabischen Lyriker der Gegenwart, jüdischen Israelis in ihrer Muttersprache zugänglich. Verantwortlich für den übersetzerischen Brückenbau ist Reuven Snir,  Professor für Arabische Sprache und Literatur an der Universität Haifa, der übrigens selbst einer jüdisch-irakischen Familie entstammt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört das palästinensische Theater. Er hat auch über palästinensische Dichtung gearbeitet, so über Mahmoud Darwish.

    http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/adonis-in-hebrew-for-the-first-time-1.457363

     

    Segen und Fluch zugleich

    „Für palästinensische Arbeiter ist der Feind die Hoffnung“ heißt es in einem Bericht des Online-Magazins JKDAMOURS. Darin werden die ökonomischen und politischen Hintergründe der jüngsten Entscheidung der israelischen Regierung erläutert, die Anzahl der Erlaubnisse für Palästinenser aus dem Westjordanland, im israelischen Kernland und in israelischen Siedlungen zu arbeiten, um 8000 und weitere 5000 speziell für Bauarbeiter aufzustocken. Der Bericht macht deutlich, in welch hohem Maße Palästinenser auf Arbeit in Israel und auch in israelischen Siedlungen angewiesen sind, vgl.

    http://jkdamours.com/2012/09/26/for-workers-the-enemy-is-hope/

     

    Jüdisch-arabische Vorschule

    Das Hand-in-Hand-Center für jüdisch-arabische Erziehung in Israel hat jüngst in Haifa die erste integrierte Vorschule eröffnet. Je früher Gemeinsamkeiten erfahren und gelebt werden, desto eher kommt es wirklich zu „Shared Communities“, meinen die Gründer und freuen sich darüber, dass sie für ihr Vorhaben gute Resonanz bei jüdischen wie arabischen Eltern aus der gemischt-bevölkerten Stadt gefunden haben, vgl.

    http://www.handinhandk12.org/news/haifa-school

     

    Palästinenser in  Auschwitz, Sachsenhausen, Buchenwald

    Ende Juli hat Ziad al-Bandak, Berater von Präsident Mahmoud Abbas, der Holocaust-Gedenkstätte im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz einen Besuch abgestattet, um den dort Ermordeten, seine Achtung zu bezeigen. Leider hat diese Geste in den Medien kaum Beachtung gefunden. Mehr Neuigkeitswert schien allenfalls den daraufhin unter anderem von der Hamas zu hörenden Protesten zuzukommen. So fokussierte sich öffentliche Aufmerksamkeit statt auf eine unerwartete Geste mit hoher symbolischer Bedeutung auf deren Verneinung durch einige Wenige. Mit dieser Art Berichterstattung wird, so meint Natalia Simanovsky, die Chance vergeben, zwischen jüdischen Israelis  und Palästinensern ein Stück gemeinsamen Bodens zu schaffen, vgl.

    http://www.commongroundnews.org/article.php?id=31903&lan=en&sp=0

    Der Chef der Mission Palästinas in Deutschland, Botschafter Salah Abdel-Shafi, hat übrigens die Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald besucht. Die israelische Zeitung Haaretz zitiert seine Charakterisierung des Holocaust. Er bezeichnet ihn  als „das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit“ und fügt hinzu: „Wir müssen Generation für Generation lehren,  ihn (den Holocaust) als ein schreckliches Geschehen zu sehen, das sich nicht wiederholen darf. Die Juden waren sein Hauptopfer…“, vgl.

    http://www.haaretz.com/blogs/diplomania/palestinian-ambassador-in-germany-holocaust-is-worst-crime-in-history-1.448069

     

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