• „Manche Schwule sind Nazis“

     

    Fundsache: Ein Beitrag zur Verbesserung unseres Sprechens über Konfliktthemen

    Der amerikanisch-israelische Blogger, Poet, politische Aktivist und Publizist Moriel Rothman war wie elektrisiert von einem Graffito, das er vom Bus aus entdeckte. Er hat das Graffito fotografiert und dessen Aussagen hin und her bewegt. Das Ergebnis seines Nachdenkens: ein herausragendes Stück Analyse politischer Sprache mit beherzigenswerten Empfehlungen, am 2. Januar in seinem Blog „The Leftern Wall“ veröffentlicht, http://thelefternwall.com/2014/01/02/some-nazis-are-gay-ie-the-brilliance-of-de-collectivization-ie-a-graffito-revelation/

    Hier mit freundlicher Erlaubnis des Autors unsere Übersetzung ins Deutsche:

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    “Some Gays are Nazis. And some Nazis are Gays.” Foto: Moriel Rothman

    „Manche Schwule sind Nazis“ oder Wie man kollektive Eigenschafts-zuschreibungen brillant rückgängig machen kann oder Die Offenbarung eines Graffitos

    Moriel Rothman, Blog „The Leftern Wall“, 2.1.2014

    Heute Morgen fuhr ich im Bus in der Nähe meiner neuen Wohnung im Süden Tel Avivs. Durch das Fenster sah ich das folgende Graffito*. Es ließ mich zunächst zweimal hinschauen und es entließ mich dann in ein fast einstündiges Grübeln über seinen wahrheitssuchenden Imperativ und die rhetorische Brillanz seiner Ent-Kollektivierung. Das Graffito lautete: „Manche Schwule sind Nazis. Und manche Nazis sind Schwule.“ (Foto).

    Nachdem ich es zum zweiten Mal angesehen hatte, wurde mir klar, dass hier zwei verschiedene Sprayer am Werk gewesen waren (d.h., das Original „Schwule sind Nazis und Nazis sind schwul“ war durch Zufügung von zweimal „manche“ umgeschrieben und in seinem Gehalt völlig verändert worden.  Und nun war ich etwas weniger überwältigt.

    O.k., schön, ich werd‘s erklären.

    Leute, die am politischen Diskurs beteiligt sind, aber auch Leute, für die das weniger zutrifft, werden wohl ziemlich regelmäßig auf Aussagen stoßen, die ganze soziale Gruppen** (oder nach ethnischer Herkunft, Rassenzugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Geschlechtszugehörigkeit unterschiedene Gruppen) charakterisieren sollen. Für gewöhnlich sind solche Eigenschafts-Zuschreibungen – siehe oben – abwertend:  „Palästinenser sind gewalttätig“ oder „Frauen geben keine guten Politiker ab“ oder was auch immer man an millionenfachen weiteren Kollektivzuschreibungen einsetzen mag.  Manche davon sind  – scheinbar – weniger abwertend, so  etwa  „Juden sind reich“ oder „Schwarze sind gut im Sport“. Aber auch die letztgenannten Aussagen sind ebenso wie die zuerst genannten entmenschlichend, denn sie behaupten, dass deshalb, weil jemand zu einer bestimmten Gruppe gehört, er auch bestimmte Eigenschaften haben müsse.*** Wenn wir nur einen Augenblick darüber nachdenken, wird uns sofort klar, dass solche kollektiven Eigenschafts-Zuschreibungen nicht wahr sein können. Nicht alle Mitglieder sozialer Gruppen haben  bestimmte gleiche Merkmale. Und doch, wenn wir auf Aussagen treffen,  die gerade dies behaupten, neigen viele  von uns, zumindest gilt das für mich, so zu antworten:

    „Palästinenser sind gewalttätig!“

    „Nein, Palästinenser sind nicht gewalttätig!“

    Sogar wenn wir versuchen, gegen Ignoranz, Stereotypen und kollektive Eigenschafts-Zuschreibungen anzukämpfen, landen wir bei eben dem, was wir bekämpfen wollten. Wir machen Aussagen, die  trotz bester Absichten unzutreffend und bisweilen sogar unsinnig sind:  Wenn jemand mir sagt „Palästinenser sind gewalttätig“ und ich ihm antworte “Palästinenser sind nicht gewalttätig“, sage ich schließlich etwas, das nicht zutrifft, strauchle rhetorisch und gestatte mir selbst, auf das Niveau von Kollektivzuschreibungen herabzusteigen.

    Füge das Wörtchen „manche“ ein.

    Die Hinzufügung eines einzigen Wortes wie in dem Graffito oben verändert den gesamten Diskurs. Durch Anwendung von Genauigkeit und Wahrhaftigkeit (und, wie in diesem Fall, von Humor), lässt sich die Unsinnigkeit der ursprünglichen Aussage entlarven. Sich weigern, eine dämonisierte soziale Gruppe in den Himmel zu heben, sich weigern, einem bestimmten Typ des öffentlichen Diskurses Legitimität zu verleihen. Probieren wir‘s aus:

    „Palästinenser sind gewalttätig!“

    „Manche Palästinenser sind gewalttätig. So wie manche Israelis.“

    „Nun gut. Die meisten Palästinenser sind gewalttätig!“

    „Bist du der Mehrheit der Palästinenser begegnet?“

    „Schön. Viele Palästinenser sind gewalttätig!“

    „Bist du vielen Palästinensern begegnet?“

    Alles in allem habe ich dieses Graffito und die in ihm enthaltene Lektion über das brillante Wörtchen „manche“ sehr gemocht. Und damit könnte ich dessen Gebrauch vielleicht ein wenig befördert haben.

     

    Fußnoten:

    *Mir ist klar, dass der korrekte italienische Singular von „Graffiti“ sich ganz närrisch anhört (Zitat).  Aber ich kann nicht anders. Es ist ein ganz und gar bezauberndes und erfreuendes Wort. Und: Ja, ich hätte gern ein panino.

    **Soziale Gruppen im Gegensatz zu politischen oder weltanschaulichen Gruppierungen. In Bezug auf letztere scheint mir ein Satz wie „ Mitglieder des Ku Klux Klan sind Rassisten“ oder „Politiker sind korrupt“ weit weniger problematisch. Sogar in solchen Aussagen wird der Gruppe nicht ein bestimmtes So-Sein, sondern ein bestimmtes Handeln zugeschrieben.  KKK-Mitglieder haben die Möglichkeit und die Fähigkeit, aufzuhören, Rassisten zu sein (in ihrem Fall durch Verzicht auf die Mitgliedschaft)

    ***Eher als sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten. Die Aussage „Siedler sind abscheulich“, geht fehl, schreibt Menschen kollektiv bestimmte Eigenschaften zu und ist völlig unüberprüfbar.  Stattdessen zu sagen, „Siedler profitieren von einem System, das nach Volkszugehörigkeiten segregiert und diskriminiert“, ist eher geeignet, einen wahren Kern zu treffen.

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