• Der Friedensbotschafter aus Gaza

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    Anlässlich der Premiere des Theaterstückes „Ich werde nicht hassen“ reiste Dr. Izzeldin Abuelaish eine Woche durch Deutschland um seine Botschaft des Friedens vorzutragen. Ob auf der Bühne im Theaterhaus oder bei zahlreichen Veranstaltungen, die Geschichte des Arztes aus Gaza, der drei seiner Töchter und eine Nichte verlor, ging vielen nahe. Nur eines kam nicht auf: Hass.

    Die Biografie von Izzeldin Abuelaish ist bewegend und beeindruckend. Geboren und aufgewachsen im Jabalia-Flüchtlingslager im Gazastreifen, hatte er eine harte und gnadenlose Kindheit. Als ältester Sohn der Familie musste er früh arbeiten um die Familie mit zu ernähren. Gleichzeitig war er ein guter und fleißiger Schüler, der sich schon als kleiner Junge in den Kopf gesetzt hatte, Arzt zu werden. Er hatte Erfolg und studierte in Kairo, London, Belgien, Italien und Harvard Medizin und wurde der erste palästinensische Arzt, der an einem Krankenhaus in Israel arbeitete. Am Soroka University Hospital in Beer Sheva spezialisierte sich Abuelaish auf Gynäkologie und Geburtshilfe und arbeitete in einem israelischen Ärzteteam.

    Die Botschafterinnen des Friedens werden Opfer des Krieges

    Mehrmals in der Woche überquerte er den Checkpoint von Gaza nach Israel, war Schikanen der Grenzkontrolleure ausgesetzt und sah, wie die Blockade des Gazastreifens und der politische Konflikt die Situation mehr und mehr verschlechterte. Er lernte, geduldig zu werden, nie pauschal zu urteilen und wollte eine Brücke für die Menschen in Gaza und Israel sein. Auch seine Töchter wollte er zu Botschafterinnen des Friedens erziehen. Es schickte sie in Sommercamps in die USA, wo sie israelische Jugendliche kennen lernten und mit der Erkenntnis nach Hause kamen, dass man sich viel näher ist als gedacht.

    Zwei Schicksalsschläge kurz hintereinander verändern das Leben von Izzeldin Abuelaish plötzlich komplett. Am 16. September 2008 starb seine Frau Nadja unerwartet an Leukämie. Der Vater von acht Kindern war nun allein und wollte diese nicht die ganze Woche über alleine in Gaza lassen, während er in Israel arbeitete. Nach dem Verlust der Frau und Mutter, entschied sich die Familie, nach Kanada zu ziehen, wo Abuelaish eine Professur an der Universität von Toronto angeboten bekommen hatte.

    Auf den Tag genau vier Monate später trifft die Familie der nächste Schicksalsschlag. Am 16. Januar 2009 wurden drei Töchter Bessan (21), Mayar (15) und Aya (13) sowie die Nichte Noor (17) von israelischen Panzergranaten getötet. Der Todesengel, wie Abuelaish ihn nennt, schoss während des Gazakrieges in das Wohnzimmer der unschuldigen Mädchen und nahm ihnen das Leben.

    Der Tod meiner Töchter soll nicht umsonst gewesen sein

    Izzeldin Abuelaish hasst nicht, obwohl er allen Grund dazu hätte. Bis heute hat er keine Entschuldigung für den Tod seiner Töchter bekommen. Hass, sagt er, sei eine Krankheit, die vor allem den Hassenden schwächer macht. Abuelaish ist nicht schwach. Das Andenken an seine Töchter gibt ihm Kraft, er fühlt sich ihnen gegenüber verpflichtet, alles zu unternehmen, damit ihr Tod nicht umsonst gewesen ist. So schrieb Abuelaish ein Buch mit dem starken Originaltitel „I shall not hate“, das seine Gesichte und Botschaft beinhaltet. Das Buch wurde ein Bestseller und in 23 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien es unter dem Titel „Du sollst nicht hassen“ und ist mittlerweile vergriffen.

    Der Schauspieler Ernst Konarek und die Regisseurin und Autorin Silvia Armbruster haben aus dem Buch ein Theaterstück geschrieben. Das Stück „Ich werde nicht hassen“, ein dramatischer Monolog, wurde vom iranischen Schauspieler Mohammad-Ali Beboudi am 17. Oktober zum ersten Mal im Theaterhaus Stuttgart aufgeführt. Anlässlich der Premiere des Stückes haben das Forum Deutschland-Israel-Palästina, die Friedrich Ebert Stiftung und das Theaterhaus Stuttgart Dr. Izzeldin Abuelaish nach Deutschland eingeladen.

    Einreise mit Hindernissen

    Der 14. Oktober 2014 war der Tag, nachdem das britische Parlament für die Anerkennung des Staates Palästinas stimmte und deutsche Außenpolitiker darüber debattierten, ob die Entscheidung richtig war oder nicht. Viele sind der Meinung, dass die Anerkennung der Staatlichkeit reine Symbolwirkung hätte und keine konkreten Auswirkungen. Für die Einreise des Palästinensers Abuelaish nach Deutschland am Flughafen Berlin-Tegel, hatte die Frage Auswirkungen. Sein gültiges Zweijahresvisum der französischen Botschaft in Kanada erlaubt ihm die Einreise in den gesamten Schengenraum – außer Deutschland. Frankreich glaubt, dass Deutschland Palästina und dessen Pässe nicht anerkennt, weshalb Deutschland bei der Visumserteilung für den Schengenraum ausdrücklich ausgenommen wurde. Skurrile Konsequenzen der Frage über die Anerkennung Palästinas. Nach vier Stunden Wartezeit gibt es ein Ausnahmevisum, der Einreise steht nichts mehr im Wege. Die Termine mit der palästinensischen Botschafterin Kholoud Daibes und einem Vertreter der Friedrich Ebert Stiftung waren jedoch geplatzt.

    Auf Einladung der Nahostplattform Alsharq diskutierte Izzeldin Abuelaish am selben Abend noch mit größtenteils jungen Berlinerinnen und Berlinern über die Herausforderungen seines Lebens und das der Menschen in Gaza. Bei einem anschließenden Abendessen mit VertreterInnen der Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), tauschten sich die Mediziner über ihre globale Arbeit aus.

    Tournee mit Dr. Izzeldin AbuelaishMit einem Vortrag vor rund 200 Schülerinnen und Schülern und einer anschließenden Diskussion begann der 15. Oktober an der International Nelson Mandela School in Berlin-Wilmersdorf. Die stellvertretende Schulleiterin Birgit Kather, die auch die Middle East Peace Group der Schule leitet, hatte mit ihren SchülerInnen zahlreiche Fragen an den Gast aus Gaza vorbereitet. Abuelaishs Botschaft an das junge Publikum war eindeutig: „unterschätzt euch nicht selbst. Ihr seid die kommende Generation von Entscheidungsträgern. Und ich möchte auch mehr junge Frauen an den Tischen sehen, an denen die Entscheidungen gefällt werden“.

    Im Sinne Willy Brandts: Frieden durch Annäherung

    Am Nachmittag traf Abuelaish den Leiter der Europaabteilung der SPD und die Juso-Bundesvorsitzende Johanna Uekermann im Willy Brandt Haus. In der SPD-Parteizentrale wurden Möglichkeiten von Partnerschaften und des Austausches von Studierenden besprochen. Ganz im Sinne von Willy Brandt sieht auch Dr. Abuelaish Chancen für Frieden durch Annäherung: „Menschen müssen sich treffen können, um sich kennen zu lernen. Nur so kann Vertrauen entstehen“, erklärte er die Bedeutung von Austauschprogrammen.

    Neben zahlreichen Interviewterminen standen in Stuttgart am 16. Oktober vor allem politische Treffen auf dem Programm. Im Landtag von Baden-Württemberg wurden erneut Möglichkeiten für Partnerschaften und Austauschprogramme sowie Praktikumsmöglichkeiten für junge Frauen im Landesparlament diskutiert. Türkan Karakut hieß Herrn Abuelaish als Vertreterin der einladenden Organisation anschließend in den Räumen der Friedrich Ebert Stiftung willkommen. Zuvor besuchte Abuelaish die Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen, die seit mehreren Jahren einen trilateralen Austausch zu einer israelischen und einer palästinensisch-israelischen Schule pflegt. Schulleiter Harald Fano führte Abuelaish auch durch die Berufsschule, um dem interessierten Gast das duale Ausbildungssystem in Deutschland anschaulich zu erklären.

    Am Vorabend der Premiere fand im Theaterhaus Stuttgart eine Podiumsdiskussion zur Situation in Gaza nach dem letzten Krieg statt, an der neben Izzeldin Abuelaish auch Katharina Konarek von der Universität der Bundeswehr in München teilnahm. Moderatorin Annemarie Rösch von der Badischen Zeitung fragte auch nach Lösungen, wie der Konflikt beendet werden könnte. Abuelaish sieht das Ende der Besatzung als ersten und wichtigsten Schritt zur Befreiung der palästinensischen, aber auch der israelischen Gesellschaft, die nur frei sein kann, wenn sie nicht mehr Besatzungsmacht ist, so Abuelaish. In seinem Schlusswort ging auch Franz-Hellmut Schürholz, Vorsitzender des Forums Deutschland-Israel-Palästina auf das Thema Besatzung ein und zitierte einen Aufruf aus dem Jahre 1967: „Wenn wir die besetzten Gebiete behalten, werden wir zu einem Volk von Mördern und von Mordopfern werden. Verlassen wir die besetzten Gebiete sofort“.

    Eine Premiere voller Emotionen

    Tournee mit Dr. Izzeldin Abuelaish90 Minuten dauerte das Theaterstück von Ernst Konarek und Silvia Armbruster vor ausverkauftem Publikum. Die Regie markierte mit nur wenigen, dafür hervorragend eingesetzten Requisiten die Lebensstationen von Izzeldin Abuelaish auf die Bühne. Die bewegende Geschichte und die starke Schauspielerische Leistung von Mohamad-Ali Beboudi rührten viele im Publikum zu Tränen. Auch Abuelaish war sichtlich gerührt als er Schauspieler Beboudi nach dem Stück in die Arme schloss. Eine sehenswerte Inszenierung mit einer klaren Botschaft: Frieden ist möglich. Wenn wir uns hinsetzen und miteinander reden.

    Junge Frauen sind die Zukunft

    Am Wochenende nach der Premiere folgten Lesungen und Vorträge in München und Freudental. Die Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München und Pax Christi hatten in die bayerische Landeshauptstadt geladen, um von Abuelaish auch zu erfahren, was er jetzt, nach all den Ereignissen vorhat. Abuelaish hatte nach dem tragischen Tod seiner Töchter die Daughters for Life Foundation gegründet, die jungen Mädchen aus dem gesamten Nahen Osten ein Studium im Ausland ermöglichen will. Durch diese jungen Mädchen, so Abuelaish, sollen die Träume und Pläne seiner Töchter doch noch Realität werden können.

    Im Pädagogisch-Kulturellen-Centrum Freudental (PKC) trug Abuelaish ein letztes Mal auf der Tournee seine Geschichte vor, immer wieder unterbrochen von Ernst Konarek, der aus Abuelaishs Buch las oder arabische Gedichte vortrug.

    Izzeldin Abuelaish ist durch Deutschland gereist und hat seine Geschichte wieder und wieder erzählt. Er hat deutlich gemacht, dass weder er aufgeben wird, noch andere aufgeben sollen, sich für Frieden und Menschlichkeit einzusetzen, bis Israelis und Palästinenser friedlich und sicher nebeneinander leben können. Er will und wird nicht akzeptieren, dass der Tod seiner Töchter umsonst gewesen sein soll. Er schöpft daraus die Kraft, sich noch mehr für seine Botschaft der Humanität einzusetzen. Für Verständigung und Ausgleich, trotz aller widrigen Umstände. Er sagt: Hass kann vergehen, wenn wir es zulassen.

     

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